Sdf. mit 3 Tw. in Dessau 19.09.2015 (m.B.)

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Möckern-Peter
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Sdf. mit 3 Tw. in Dessau 19.09.2015 (m.B.)

Beitrag von Möckern-Peter » 20.09.2015 14:56

Auf Initiative dreier Freunde kam es zu dieser gutbesuchten Veranstaltung mit etwa drei-ßig Teilnehmern, die um drei-zehn Uhr begann und Fahrten mit drei Wagen umfasste. Also immer wieder irgendwie die 3... :P Für die insgesamt gutorganisierte Veranstaltung ein Dank an die Veranstalter!
Mit jedem dieser Wagen wurden alsdann die Endstellen des Dessauer Streckennetzes angesteuert, so dass jede Endstelle mehrmals besucht wurde. Zwischendrin gab es im Betriebshof eine Stärkungspause mit Bockwurst im Brötchen, Kaffee oder einem Kaltgetränk - "Straßenbahnerimbiss"... Auch war eine Besichtigung des Bf. eingebaut, wo man die anderen noch existenten DÜWAGs, 2 MGT-K als Reserve bzw. in HU, und diverse Busse sehen konnte.

Den Anfang machte der Aufbautw. 30, 1948 in Werdau erbaut. Wie bei Aufbauwg. üblich wurden nur Wagenkästen erbaut; die Fahrgestelle waren vom Besteller zuzuliefern, desgl. die E-Ausrüstung bzw. diese später beim Empfänger selbst nachzurüsten. Das Fahrgestellte lieferte ein kriegszerstörter Tw. von 1928, eine E-Ausrüstung konnte - ähnlich wie für z.B. die Wiener KSW, die auch erst längere Zeit nach Auslieferung in Fahrt kamen - erst 1950 aufgetrieben und verbaut werden. Nach seiner Aussonderung diente die 30 längere Zeit als Atw. G1, bis er gänzlich beiseitegestellt wurde und verrottete. Nach weitgehender Verwitterung erfolgte dann sein Neuaufbau als HTw.
Die 30 ist Teil einer ersten "Typenserie" (die Wagenkästen betreffend) der sowjetischen Besatzungszone, die damals auch an Chemnitz (dort 925mm-Spur) und Magdeburg geliefert wurden, und von denen nur noch dieser republikweit vorhanden ist. (Dessau selbst bekam 4, Chemnitz 8.)
Der kurbelbetriebene Steh-Wagen mit Holzlattensitzen war wagenbaulich keine Besonderheit und auch nicht irgendwie moderner als die Vorkriegs"kollegen"; diese Wagen linderten lediglich quantitativ die damalige Wagennot der Betriebe.
Die Rolle des 30 ist heute die des einzigen Exemplars von noch in der Besatzungszeit gefertigten Straßenbahnen.

Umgestiegen wurde in den 2-achser 28 von 1925. In den frühen 60ern brannte in Dessau ein Tw. ab. Dessau benötigte jedoch auch diesen Tw. dringend, und so kam man mit der LVB überein, dass Leipzig ein Ersatzfahrzeug erbauen würde. 1963 nutzte Leipzig dafür ein Fahrgestell eines kriegszerstörten Typ22 sowie Bodenrahmen und Dach des im Vorjahr ausgemusterten baugleichen Bw.744 und baute "dazwischen" quasi einen Wagenkasten weitgehend neu. Der Wagen sah nun nicht mehr wie die alte 28 aus sondern de facto wie die in jener Zeit in Holzbauweise generalreparierten und zum Typ -c umgebauten Typ22, wie seit 1961 üblich mit Vollsichtscheibe. Einziger Unterschied war - da Leipzig seine Tw. als ER rekonstruierte - dass es der einzige in HwH gefertigte 22c in ZR-Bauweise war. Diesen Wagen nutzte Dessau bis 1975, wo er dann verschrottet wurde.
1987 erblickte die Idee das Licht der Welt, dass Dessau gern einen Altbautw. hätte, jedoch nichts mehr aufzutreiben war. Durch "konnegtschns" wurde man auf die in jener Zeit durch Ersatz mit 22S überflüssigen und daher ausgesonderten 22c-Atw. aufmerksam und es gelang, den Atw.5051 nach Dessau zu verbringen, der als Personenwagen die 1401 war. Der nie umnummerierte Wagen war 1925 ebenfalls in Werdau erbaut und 1965 in Leipzig in Stahlbauweise als ER rekonstruiert wurden. Dabei wurden von 41 Tw. und 129 Bw. die Dächer an die Hallendecke hochgezogen, die Holz-Wagenkästen abgewrackt, auf den Bodenrahmen maßgleiche Wagenkästen aus Stahlprofilen neuerbaut und die Dächer wieder abgesenkt. Diese Wagenkästen sind also nicht mehr von 1925; Dessau störte der Kompromiss nicht, und so kam der Wagen in Dessau als Traditionswagen 30 zum Einsatz. Als sowohl der Aufbautw.30 fertig war und der 22c einer umfangreichen, erst in diesem Jahr abgeschlossenen Aufarbeitung bedurfte, nummerierte man ihn folgerichtig in 28 um; auch bekam er den unpassenden grünen Lack gegen elfenbeinfarbenen getauscht und es wurden mit vorderen Rückleuchten und einem vorderen Bremskabel 2 betriebsunnotwendige Komponenten verbaut, die allein optisch den ursprünglichen ZR-Tw. imitieren sollen. Das Fahrzeug entspricht bis auf einige Schalter und den Einbau von Fenstertischen im Wageninneren dem Leipziger Zustand; äußerlich wurden die Leipziger "Spieße" zur Halterung der Leipziger Lininennummern-Kopfscheiben entfernt, da Dessau sich auch am Originalfahrzeug lediglich der beidseitigen Nummernbänder über dem Fahrerplatz bedient hatte.

Den Abschluss bildete einer der DÜWAG-8achser, die 1992 aus Duisburg übernommen wurden. Von einst 14 Tw., die alle in Betrieb genommen wurden, sind außer diesem nur noch der Partywagen (mit Nebenfunktion zur Fahrleitungsenteisung per Hilfsbügel) betriebsfähig sowie 2 abgestellte Ersatzteilspender vorhanden. Heute kommt die 003 nur noch im Schülerverkehr und bei Wagenmangel zum Einsatz; ansonsten bestreiten die 10 MGT-K den Auslauf der 8 Kurse. Duisburg hatte an den Wagen einige Veränderungen vorgenommen, was insbes. linke Türen und einen hinteren Hilfsfahrstand betraf. Die linken Türen wurden später wieder durch Fenster ersetzt, in Dessau die vordere Hälfte der Tür1 ebenfalls und dabei Fahrerkabinengrundriss und -rückwand geändert. Durch das Mittelteil (mit Tür) kann der Wagen als einziger eine größere Platzkapazität und schnelleren Fahrgastwechsel bieten als die MGT-K! Interessant auch, dass der Wagen sowohl elektronisch mit Geamatic-Steuerung als auch konventionell mit Fahrschalterkurbel gefahren werden kann, hauptsächlich um ihn bei Steuerungsdefekt von der Strecke bringen zu können.

Dass die Bebauung der Stadt Dessau und auch die Linienwagen bei der Veranstaltung eine eher sekundäre Rolle gespielt haben, kann man sich vorstellen...
Mit der Ankunft am Hbf. gg. 18.30 ging eine erfolgreiche Veranstaltung zu Ende.
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Wenn alle Betriebe nur T6/KT4(t)/KT8 verwenden würden, wäre die Welt eintöniger. Schöner wäre sie trotzdem!

Zazní-li výstraha, opust'te dverní prostor!

Kava je balzam za srce in duso. (slowen.: Kaffee ist Balsam für Herz und Seele) Giuseppe Verdi
Gustav Mahler ergänzte: Hier ist es wunderherrlich und repariert ganz sicher Leib und Seele.

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Kein Sarkasmus liegt mir völlig fern :-)

Der frühe Vogel kann mich mal... (am Abend treffen - was sonst!)

Standi
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Re: Sdf. mit 3 Tw. in Dessau 19.09.2015 (m.B.)

Beitrag von Standi » 20.09.2015 19:38

Kleine Korrektur: Die NGT`s heißen in Dessau NGT6DE . Die Bezeichnung MGT-K gibt es nur in Halle, denn MGT heißt Meterspur-Gelenktriebwagen.

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