Umgang mit Beiwagen

Sonstiges zum Thema Straßenbahnen: Hier wird über das diskutiert, was thematisch nicht in die anderen Foren passt
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Marko
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Umgang mit Beiwagen

Beitrag von Marko »

Hallo,

eine Sache beschäftigt mich schon seit einiger Zeit. Wie gehen denn Verkehrsbetriebe mit Beiwagen um?
Diese Dinger sind ohne Antrieb und brauchen doch eine besondere Behandlung. Eine normale Straßenbahn kann selbstständig von einem Gleis auf das andere oder in die Werkstatt zur regelmäßigen Wartung fahren.

Aber wie macht man das mit Beiwagen? Wenn eine Straßenbahn für einen Linienkurs eingeteilt wird, muss man irgendwie auch noch den eingeteilten Beiwagen ankuppeln. Ich vermute, dass die Straßenbahnen über längere Zeit mit einem Beiwagen gekuppelt sind und nur getrennt werden, wenn es nötig ist.
Nur ist man dann bei der Fahrzeugeinteilung nicht mehr flexibel, wenn dieser Straßenbahntyp auf anderen Kursen ohne Beiwagen fährt.
Und zur Wartung müssen die Beiwagen ja auch manchmal. Die kann man auch nur mit dem passenden Triebwagen machen.

Für das Umparken von Beiwagen braucht man auch noch ein Zugfahrzeug. Entweder ein Linienwagen oder ein spezielles Rangierfahrzeug.


Weiß jemand, wie die Verkehrsbetriebe das organisieren?

Manitou
Beiträge: 899
Registriert: 06.10.2006 00:36

Re: Umgang mit Beiwagen

Beitrag von Manitou »

Die einzelnen Betriebe haben den Einsatz der Beiwagen immer unterschiedlich gehandhabt (auch zu unterschiedlichen Zeiten). So gab es Betriebe, die die Beiwagen zu verkehrsschwachen Zeiten an den Endstellen abhängten und auf einem Abstellgleis stehen ließen bzw. mit einem Arbeitswagen in den Betriebshof holten und vor der nächsten Verkehrsspitze zum Verstärken des Zuges wieder ausfuhren.
Auf Außenstrecken wurde das Überhängen praktiziert, d.h. der (zweite) Beiwagen des landwärtigen Zuges an einem Gleiswechsel abgehangen, der stadtwärtige Zug drückte zum Anhängen zurück.
In den Romanen von Horst Bosetzky sind solche Betriebsweisen für die BVG (Westberlin) noch in den 50er Jahren beschrieben, wobei dies bis 1953 auch im gemeinsamen Netz praktiziert wurde. So gibt es ein Foto (ich weiß leider nicht mehr, in welchem Buch), wo ein Lowa-Bw aus einem Westberliner Betriebshof (Tempelhof?) steht. Bis ca. 2010 wurde in Woltersdorf der Beiwagen an der Haltestelle Ernst-Thälman-Platz (Haltestelle am Betriebshof) übergehangen, da wis zur Woltersdorfer Schleuse meist nur ein Solo-Tw fuhr.
Andere Betriebe trennen die Züge dagegen nur zur Wartung und haben teilweise eine nummernmäßige Zuordnung von Trieb- und Beiwagen.

Marko
Beiträge: 96
Registriert: 14.05.2011 13:29

Re: Umgang mit Beiwagen

Beitrag von Marko »

Interressant, danke.
Einige Betriebe haben heute doch noch Beiwagen und setzen die jeweiligen Triebwagen auch alleine ein. Wenn zum Beispiel Kassel endlich mal die Rostocker Beiwagen benutzt, wird man die Beiwagen sicher über längere Zeit hinweg am Triebwagen hängen lassen, damit man sich das Rangieren sparen kann.

Ich würde so einen Zug nur dann trennen, wenn es nötig ist. Also nur dann, wenn der Trieb- oder Beiwagen für eine größere Reparatur oder zum Fahrgestelltausch in die Werkstatt muss. Sind dann auch noch die Wartungspläne aufeinander abgestimmt, könnten Trieb- und Beiwagen über eine lange Zeit hinweg zusammenhängen.
Ein Problem sehe ich dann nur in der Waschanlage. Es dürfte recht schwierig sein, mit den Bürsten zwischen die beiden Wagen zu gelangen, wenn sie denn überhaupt lang genug ist.


Beiwagen werden für mich immer mehr zur organisatorischen Katastrophe.

Manitou
Beiträge: 899
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Re: Umgang mit Beiwagen

Beitrag von Manitou »

In Waschanlagen müssen Züge aus mehreren Fahrzeugen gewaschen werden. Notfalls müssen die Stirnwände manuell nachgearbeitet werden. Bei der S- und U-Bahn in Berlin kann man Züge nicht in Einzelwagen auflösen, die Straßenbahn sind konstruktiv nicht anders (außer der Anpassung an Höhe und Breite der Fahrzeuge).

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Incentro
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Re: Umgang mit Beiwagen

Beitrag von Incentro »

Marko hat geschrieben:Einige Betriebe haben heute doch noch Beiwagen und setzen die jeweiligen Triebwagen auch alleine ein. Wenn zum Beispiel Kassel endlich mal die Rostocker Beiwagen benutzt, wird man die Beiwagen sicher über längere Zeit hinweg am Triebwagen hängen lassen, damit man sich das Rangieren sparen kann.
Ich bin der Meinung, dass die meisten Betriebe die heute noch Beiwagen einsetzen, diese in festen Zügen kuppeln und diese nur aus Gründen der Wartung getrennt bzw. neu zusammengestellt werden.
  • Braunschweig - Hf-Bw hinter Nf-Tw: Es sind glaube ich nichteinmal alle Niederflurtriebwagen für Beiwagenbetrieb ausgelegt, dementsprechend könnten nur die beiwagenfähigen Triebwagen ihre Beiwagen untereinander tauschen. Die Züge bleiben über einen längeren Zeitraum gekuppelt.
  • Darmstadt - Nf-Bw hinter Hf-Tw: Die Züge bleiben über einen längeren Zeitraum gekuppelt.
  • Halle (Saale) - Tatra Mini- und Großzüge: Es gibt zwar Änderungen in der Zugzusammenstellung, diese sind aber hauptsächlich durch Fristarbeiten an einzelnen Wagen begründet. Die Züge bleiben über einen längeren Zeitraum gekuppelt.
  • Magdeburg - Hf-Bw hinter Nf-Tw: Es sind nur so viele Niederflurtriebwagen für Beiwagenbetrieb adaptiert worden, wie es Beiwagen gibt. Dementsprechend könnten nur die beiwagenfähigen Triebwagen ihre Beiwagen untereinander tauschen. Die Züge bleiben über einen längeren Zeitraum gekuppelt (es könnte sogar sein, dass seit Inbetriebnahme der Beiwagen noch nicht getauscht wurde).
  • Leipzig - Nf-Bw hinter Hf-Tw: Die Züge bleiben über einen längeren Zeitraum gekuppelt.
  • München - P/p-Wagen: Die Züge bleiben über einen längeren Zeitraum gekuppelt.
  • Rostock - Nf-Bw hinter Hf-Tw: Die Züge blieben über einen längeren Zeitraum gekuppelt - anfangs gab es sogar einen Nummernbezug zw. Tw und Bw (#Tw + 50 = #Bw).

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M73
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Re: Umgang mit Beiwagen

Beitrag von M73 »

Wie Incentro schon richtig geschrieben hat, bleiben und blieben die Beiwagen in München seit den 70gern immer zusammen, wenn es keinen Grund (Defekt, ect) zum Trennen gab/gibt.

Lediglich zu Zeiten von 3-Wagenzügen wurden Beiwagen außerhalb der HVZ an entsprechenden Punkten im Netz hinterstellt und wurden bei Bedarf von den Tw’s abgeholt. Damals war Vandalismus noch ein Fremdwort… :wink:

Aber es gibt im Betriebshof und in der Hauptwerkstätte einzelne Werkstattgleise ohne Oberleitung, wo auch Tw’s hingeschoben werden müssen. Dort werden die Wagen entweder mit anderen Zügen soweit hineingeschoben, wie das schiebende Fahrzeug mit gehobenen Pantographen kann. Es gibt aber auch kleine Schiebehilfen oder auch den Unimog, der einen Wagen mal „schubsen“ oder ziehen kann. Und im “Ernstfall“ wird auch mal Hand angelegt und kurzer Hand von den Arbeitern verschoben – allerdings eher ausnahmsweise und nur sehr kurze Strecken!

Nachtag:
Im Betriebshof gab es zum Rangieren auch den M-Wagen 2558, der in 2993 um genummert wurde. Er durfte meiner Kenntnis nach nicht mehr auf die Strecke. Ob der Wagen noch Dienst tut, ist mir nicht bekannt – bis 2005 fand ich allerdings gesicherte Infos über seinen „Rentner-Job“.
Es dürften in München aber auch etliche Ausgediente noch Rangierdienst getan haben…


Schiebehilfen sieht man zum Beispiel hier auf den zwei untersten Bildern:

http://www.tramgeschichten.de/2011/10/2 ... bsfahrten/
Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch .
(Karl Valentin, Münchner Volksschauspieler und Humorist)

Marko
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Re: Umgang mit Beiwagen

Beitrag von Marko »

Sehr interessant, vielen Dank für eure detailreichen Beiträge.
Dann sehen die Betriebe die Züge wohl meistens als ein Fahrzeug und teilen sie dann auch entsprechend für die Werkstatt ein. Ist auch die beste Lösung, wie ich finde.


Schiebehilfen sind ein sehr spannendes Thema. Wenn da jemand noch mehr Fotos hat, schaue ich sie mir gerne an.
Der Nachteil an den Dingern ist, dass man meistens nur einen hat und in der Regel nur kurze Strecken geschoben werden müssen. Für diese kurzen Schiebereien ist es ziemlich umständlich, so eine Schiebehilfe zu holen, anzukuppeln und eventuell noch einzugleisen. Bei modernen Wagen muss auch noch die Stoßstange geöffnet werden, was wieder eine lästige Arbeit ist.

Straßenbahnen als Schiebehilfe finde ich unpraktisch. Schließlich muss der Wagen ja erstmal hergefahren werden. Das geht nicht so schnell wie bei einer gummibereiften Schiebehilfe. Und wenn die Oberleitung endet, kann diese Straßenbahn auch nicht mehr weiterfahren.
Da ist man schneller dran, wenn man selbst anschiebt. So schwer ist das auch nicht, wenn das Gleis eben ist und nicht dreckig.

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Möckern-Peter
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Re: Umgang mit Beiwagen

Beitrag von Möckern-Peter »

Leipzig: Also durch das stärken und schwächen von Zügen hängt man immer mal um, durch Defekte sowieso und "dank" der lieben Werkstatt auch oft...
Da viele Betriebe heute am Minimum "polstern", sind "Stammzüge"* früherer Zeiten eher nicht mehr usus.
Da heute kaum noch Kuppelendstellen aktiv betrieben werden (was auch ZR-Wg. zwingend voraussetzt), entfällt auch, dass auf dem Rückweg - durch Standtw. oder Standbw. - eine andere Zugzusammenstellung zurückkehrt als hingefahren ist.
Im Bhf. ist das i.d.R. kein Problem: irgendein Tw. (und schlimmstenfalls per Notkupplung) fand/findet sich immer - sogar ein defekter kann da mal "Rad anlegen".

Klar gab es Betriebe, die "verordnet" oder aus eigenem Interesse Doppeltw. (Tatra) oder Doppelbw. zusammenbeließen. Aber wenn durch einen längerzeitigen Schaden getrennt werden muss, laufen ggf. auch dann die Instandhaltungsfristen auseinander und dann geht die chose los... Leipziger Tatras liefen lange Zeit 1710-1709, 2104-2103, 1884-1883, 1955-1956 u.ä. und auch unsere (Altbau- u.) ESW-Bw. waren so üblich wie 713-714, 481-482, 799-798 u.ä.

Da sich Vorderachsen im Betrieb anders abnutzen als Hinterachsen, muss man bei ER-Wg. die Achsen von Zeit zu Zeit tauschen; bei ZR-Wg. im ER-Betrieb (bei ZR-Betrieb ergab es sich von selbst) genügte es, den Wg. für die neue Hauptfahrrichtung zu "drehen". So hing z.B. einen Monat das Bw.-paar 709-712 an einem Tw., im Folgemonat 712-709

*Rostock hatte soetwas mal lange Jahre um 1970 herum:
1-151, 2-141, 3-153, 4-154, 5-155, 6-156, 7-157, 8-148, 9-149, 10-170, 11-140, 12-158, 13-159, 14-164, 15-165, 16-166, 17-167, 18-168, 19-169, 20-160, 21-161, 44-132-136, 48-150-152, 50-128-129, 52-144-145, 53-130-131, 59-162-163, 67-185-186, 68-187-188
Wenn alle Betriebe nur T6/KT4(t)/KT8 verwenden würden, wäre die Welt eintöniger. Schöner wäre sie trotzdem!

Zazní-li výstraha, opust'te dverní prostor!

Kava je balzam za srce in duso. (slowen.: Kaffee ist Balsam für Herz und Seele) Giuseppe Verdi
Gustav Mahler ergänzte: Hier ist es wunderherrlich und repariert ganz sicher Leib und Seele.

Prosimo se med voznju ne pogovarjete z voznikom!

Kein Sarkasmus liegt mir völlig fern :-)

Der frühe Vogel kann mich mal... (am Abend treffen - was sonst!)

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