Die St.Pöltener Straßenbahn

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WienerLinien
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Die St.Pöltener Straßenbahn

Beitrag von WienerLinien » 28.11.2007 19:27

1911-Feber 1976

In St.Pölten (Landeshauptstadt von Niederösterreich, 60km von Wien) wurde 1911 ein kleiner Tramwaybetrieb vom St.Pöltnerer Hauptbahnhof nach Harland eröffnet, der als Hauptaufgabe hatte, die Industrien entlang der Strecke zu verbinden.
Die Straßenbahn wurde mit 750V= betrieben.

Für den Personenverkehr wurden drei kleine Triebwagen (Nummer 1,2,3) mit Lyrabügel, Tatzlagermotoren und 24 Sitzplätzen auf Längsbänken beschafft.
Im Laufe der Zeit wurden die Wagen modernisiert und der vom Fahrer gesehen linke Einstieg mit einer Wand verschlossen, um den Einmannbetrieb einzuführen. Die kleinen Triebwagen wurden in den letzten Betriebsjahren wegen fehlendem Personal im Einmannbetrieb eingesetzt, ohne Einrichtungen dafür (z.B. Totmanneinrichtung) bzw. Schienenbremsen zu haben. Sie waren in den letzten Betriebstagen die ältesten Straßenbahnwagen Österreichs.

Für den Güterverkehr zu den einzelnen Fabriken wurden zwei kleine Elektrolokomotiven beschafft, die Scherenbügel und Tatzlagermotoren hatten. Die Fahrschalter waren quer zur Fahrtrichtung angeordnet, was ein leichteres Rangieren mit den Waggons ermöglichte.

Für den Postpaketdienst wurde 1915 der Triebwagen 4 beschafft, der in seiner technischen Einrichtung den Triebwagen 1-3 gleich war, jedoch schmälere Einstiege und ein Rolltor in der Mitte des Wagenkastens hatte.
1938 wurde der Paketdienst aufgegeben, der Triebwagen wurde zum Beiwagen 4 umfunktioniert und ist heute wieder als Triebwagen 4 bei der Museumstramway Mariazell zu sehen.

1928 wurde noch der "große" Triebwagen 5 beschafft, der eine Pendelachslagerung System Peckham hatte (so wie die legändäre wiener Type M). Der Wagen hatte 4 große Seitenwandfenster und Lüftungsklappen darüber und ein Tonnendach, während die Wagen 1-4 ein Dach mit Lüftungsaufsatz, also ein Laternendach, hatten.

1932 wurde noch eine 3. Lastzuglokomotive gleicher Bauart beschafft.

1962 wurde zwecks Kapazitätserhöhung der Kauf eines "großen" Triebwagens in Betracht gezogen. Da aufgrund der finanziellen Situation ein Neubauwagen nicht in Frage kam, wurde aus Wien ein Stadtbahn-Triebwagen der Type N angekauft. Der Wagen hatte eine Druckluftbremse und einen Scherenbügel. Der Wagen bekam in St.Pölten die Betriebsnummer 006. Bedingt durch das hohe Wagengewicht entgleiste der Wagen auf dem mangelhaften Oberbau der St.Pöltner Straßenbahn recht oft. Bei einer solchen Entgleisung wurde der Original-Scherenstromabnehmer beschädigt, worauf der 006 dann einen Lyrabügel bekam.

1975, knapp ein Jahr vor Einstellung des Betriebes, erhielt die StPStB weitere Neubaufahrzeuge. Um den schon veralteten Wagenpark der Straßenbahn zu modernisieren, wurden aus Wien T1-Triebwagen (Baujahr 1952) beschafft, die für die Straßenbahn ungeheuer modern wirkten. Die Wagen hatten Leuchtstoffröhrenbeleuchtung, Magnetschienenbremsen, große Teleskop-Schiebetüren und Fahrersitzplätze, moderne Fahrschalter und nicht zuletzt einen wesentlich ruhigeren Lauf.
Ein Triebwagen (Betriebsnummer 7) konnte nach Probefahrten im Planbetrieb eingesetzt werden, die Fertigstellung des zweiten bzw. dritten T1 (vorgeseherne Nummern 8,9) wurde durch die Betriebseinstellung verhindert.

Erwähnt sei auch noch, dass die Sankt Pöltener Straßenbahn ihren Güterverkehr als einzige Straßenbahn Österreichs bis zur Betriebseinstellung mit ungebremsten Bundesbahngüterwaggons betrieben hat.

Im Februar 1976 wurde die Straßenbahn wegen unbezahlter Stromrechungen in der Höhe von nur 20.000 Schilling (für eine Straßenbahn eher wenig) eingestellt, sie musste Konkurs anmelden.

(Bilder wie oben beschrieben)
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Tram1212
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...

Beitrag von Tram1212 » 28.11.2007 19:41

Hallo,
sehr gelungener Bericht. Ich habe vor ca. 10 Jahren in Bratislava 2 alte 2-achser Tw fotographiert. Es handelte sich lauf Aufschrift um 2 Wagen aus St. Polten. Weißt Du was mit den Wagen dort auf sich hat?

Grüße René
Alle sagten: Das geht nicht...
Dann kam einer, der wusste das nicht und hat's gemacht...

...and I walk the line...

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Sithis
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Beitrag von Sithis » 28.11.2007 21:50

Sehr schöner Bericht, ist ja schon SM-würdig ;-) .
Zynismus ist der geglückte Versuch, die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. - Jean Genet

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WienerLinien
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Re: ...

Beitrag von WienerLinien » 01.12.2007 07:41

Tram1212 hat geschrieben:Hallo,
sehr gelungener Bericht. Ich habe vor ca. 10 Jahren in Bratislava 2 alte 2-achser Tw fotographiert. Es handelte sich lauf Aufschrift um 2 Wagen aus St. Polten. Weißt Du was mit den Wagen dort auf sich hat?

Grüße René
Ich weiß nur, dass sich Triebwagen 1,3,4,5 bei der Museumstramway Mariazell befinden.

Sie waren aber auch z.B. auch schon bei Sonderfahrten in Wien, also nehm ich an, dass diese "Sichtung" ein Besuch der Wagen war. Anders könnt ichs mir nicht vorstellen, außer die Wagen waren damals ein "Fake"´.
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Moritz Greiner
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Re: Die St.Pöltener Straßenbahn

Beitrag von Moritz Greiner » 26.11.2011 20:45

Die Spannung beträgt 800 Volt Gleichstrom :wink:
Ich versuchte mit E-Mails den Bürgermeister von St. Pölten: Mag. Matthias Stadler mit meinem Konzept zu überzeugen, leider war das erfolglos.
LG
StPStB

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