Wie genau Funktioniert die Haltestellebremse bei Bussen?

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andi
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Wie genau Funktioniert die Haltestellebremse bei Bussen?

Beitrag von andi » 25.01.2012 19:38

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M73
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Re: Wie genau Funktioniert die Haltestellebremse bei Bussen?

Beitrag von M73 » 26.01.2012 16:18

Mal sehen, ob diese Antwort Dich befriedigt:

Fahrzeuge, die bis in etwa ende der 80ger geliefert wurden, hatten fast alle eine Manuelle Haltestellenbremse, die vom Fahrer Manuel betätigt wurde. Die Ausführung war zum Teil Betriebsbedingt abweichend und auch mancher Hersteller hatte seine eigenen Lösungen. Jedoch war folgende Beschreibung sehr häufig.
Die Beschreibung bezieht sich z.B. auf MAN SL 200 oder MB O305G, wie sie bei den Münchner Stadtwerken bis mitte der 90ger im Einsatz waren:

Der Fahrer hatte linker Hand, unterhalb der Seitenscheibe einen Hebel für die Haltestellenbremse. Später wurden bei einigen Herstellern diese Hebel neben die Türtaster verlegt. Der Hebel war elektrisch ausgeführt und wirkte auf ein Ventil, das die damals ausschließlich pneumatische Bremsanlage zum Anlegen der Bremsbacken bzw. Klötze bewegte.

Das Grundprinzip dürfte bis heute gleich sein, nur das heute auch die Türzustände und Türverriegelungen mit auf den elektrischen Teil des Systems wirken. Es sind heute auch einige Exoten unterwegs, die eine Hybridbremsanlage aus Pneumatik und Hydraulik haben.

In den frühen Jahren wurde zum Teil auch die konventionelle Feststellbremse für diesen Zweck verwendet.
In der späteren Geschichte gab es je nach Fahrzeughersteller und Betrieb Abweichungen in der Abhängigkeit zur Türsteuerung.

Heute kann man davon ausgehen, daß fast ausnahmslos bei offenen oder entriegelten Türen die Haltestellenbremse automatisch aktiviert ist.

Nachtrag:
Die Haltestellenbremse unterscheidet sich von der Feststellbremse dadurch:

Die Feststellbremse ist praktisch ausschließlich ein pneumatischer Schalter der unmittelbar auf die Pneumatik wirkt. Sie ist "Ausfallsresistent" ausgeführt. Das bedeutet, daß die Bremswirkung durch komplettes Entlüften der Bremszylinder erreicht wird(Federspeicher). Bei der Haltestellenbremse wird der Bremskreis nur zum Teil entlüftet oder wirkt auf den Teil der Betriebsbremse die ihre Bremswirkung durch belüften erreicht. Der Luftdruck wird dabei soweit geregelt, daß in etwa nur ein Mittelwert erreicht wird, was das Umsteuern auf "Bremse Los" und das Nachfüllen der benützen Luft in den Vorradsbehältern erheblich beschleunigt.
Der Mittelwert ist vollkommend ausreichend, um ein unbeabsichtigtes Anrollen oder Abfahren eines Busses zu verhindern.
Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch .
(Karl Valentin, Münchner Volksschauspieler und Humorist)

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Re: Wie genau Funktioniert die Haltestellebremse bei Bussen?

Beitrag von M73 » 26.01.2012 20:23

O.K. die Erklärung war nicht so der Hammer – ich versuch's ein zweites Mal und fang bei "Adam und Eva" an (technisch nicht in jedem Detail ganz korrekt, aber für das Grundverständnis ausreichend):

Der Kompressor verdichtet die Luft und befüllt somit die Vorratstanks. Aus diesen wird die Versorgungsleitung (Rote Leitung) gespeist. An der Versorgungsleitung sind die Zylinder für die Federspeicher angebracht. Die Feder des Federspeichers drückt die Bremsbeläge an die Bremsscheibe (analog gleich bei Trommelbremse). Bei 0 Druck in der Versorgungsleitung ist das Fahrzeug fest gebremst. Bei etwa 8 Bar in der Versorgungsleitung ist der Federspeicher sicher "entbremst" und das Fahrzeug praktisch frei.

Betätigt der Fahrer nun das Bremspedal, wird abhängig vom betätigten Pedalweg Luft von der Roten Leitung in die Brems- oder Steuerleitung (gelbe Leitung) geleitet. Sprich wenig Luftdruck in gelb - wenig Bremskraft, viel Luftdruck in gelb - viel Bremskraft.

Ab hier gibt es drei Methoden, wie die Gelbe Leitung auf die Bremse wirkt:

1. Die gelbe Leitung bewirkt direkt, daß die Bremsbeläge an die Bremsscheibe gedrückt werden (ich glaube heute immer seltener).

2. Die Gelbe Leitung steuert ein Ventil an, das unmittelbar am Federspeicher sitzt und die Zuluft von der Roten Leitung in den Federspeicher regelt. (Wenig Druck in Gelber Leitung – Viel Druck zu Federspeicher – geringe Bremsleistung/ Viel Druck in Gelber Leitung -wenig Druck zu Federspeicher – hohe Bremsleistung)(gegenproportional)

3. Die Gelbe Leitung steuert ein Ventil an, das unmittelbar am Radbremszylinder ein Ventil ansteuert, welches proportional zur Gelben Leitung Druck in den Radbremszylinder leitet, wodurch die Bremsbeläge an die Scheibe gedrückt werden.(Wenig Druck in Gelber Leitung, Wenig Druck in Radbremszylinder –geringe Bremskraft/viel Druck in gelber Leitung – viel Druck in Radbremszylinder – Große Bremskraft)(ich glaube mit das gängigste)

Wenn eine Undichtigkeit in der Roten Leitung auftritt, kann die Feder des Federspeichers nicht mehr zurückgehalten werden und die Bremsbeläge werden an die Scheibe gedrückt.
Dieses geschieht so rechtzeitig, daß mit dem Restdruck in der roten Leitung gerade noch die gelbe Leitung ausreichend für eine Vollbremsung versorgt werden könnte.

Wenn nun die Gelbe Leitung undicht wird, wird das durch ein spezielles Ventil(ASV) bei der ersten Betätigung des Bremspedals erkannt und die Rote Leitung wird entlüftet. Die Folge ist ein stehendes Fahrzeug. (Differenzdruckvergleicherprinzip)

Bei Betätigung der (Luftdruck-)Feststellbremse wird immer die Rote Leitung nahezu komplett drucklos gemacht und das Fahrzeug ist fest eingebremst (hierzu gibt es einige spezielle Ausnahmen und Sonderfälle, deren Erwähnung im Detail zu ausführlich wäre).

Da es aber sehr viel Luft kostet, die Rote Leitung wieder unter ausreichend Druck zu setzten, kann dieses Verfahren bei Benutzung als Haltestellenbremse zu Problemen führen. Deswegen wurde eine eigne Haltestellenbremse entwickelt.
Wenn in der Roten Leitung der Druck auf etwa 4 Bar absingt, ist das Fahrzeug bereits ausreichend sicher eingebremst, um ein unbeabsichtigtes Losrollen oder Anfahren zu verhindern. Und das Auffüllen der Roten Leitung nach dem Haltevorgang ist bedeutend sparsamer und schneller vollzogen.

Zudem kann bei verschiednen Herstellern bzw. Evolutionsstufen die Haltestellenbremse so ausgeführt sein, daß sie auf die gelbe Leitung wirkt.

Fast ausnahmslos (mir ist zumindest kein anderes Prinzip bekannt) wird dieses pneumatische Haltestellenventil elektrisch angesteuert, wobei hier sowohl ein Ruhestromkreis, als auch Aktivstromstromkreis verwendet sein kann.
Ob dieser Stromkreis nun über einen manuellen Schalter bedient wird, oder über automatische Vorgänge aktiv wird, ist jetzt für die eigentliche Funktion der Haltestellenbremse zweitrangig.

So, jetzt hoffe ich, daß alles Klar ist.
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Re: Wie genau Funktioniert die Haltestellebremse bei Bussen?

Beitrag von M73 » 06.02.2012 19:30

Ergänzung:

Ich habe mich nochmals im Detail schlau gemacht: Heute zu Tage sind praktisch ausschließlich Systeme im Einsatz, die auf die "Gelbe Leitung" wirken und mit 2 bzw. 4 Bar beaufschlagt werden.
Auch wird der Federspeicher (fehlende Luft in "Roter Leitung")heute ausschließlich zum Feststellen, also analog zur Handbremse des PKW'S benutzt.
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